Polizei Einvernahme Auszug aus Kapitel 26: Einvernahme bei Polizei

 

Jonas fährt zum Polizeihauptgebäude, wo ihn Moltesi zum fraglichen Samstag befragen soll. Überraschend wirft sie ihm vor, gelogen zu haben. Sichtlich irritiert, versucht Jonas dem Verhör standzuhalten. Ob es ihm gelingt?

 

 

 

26

 

Sieben Uhr achtunddreissig. Heute habe ich länger geduscht, als sonst. Ich weiss nicht mehr wie lange. Auf jeden Fall hat es plötzlich nicht mehr gereicht, mich zu rasieren. Ich hasse Stoppeln im Gesicht. Es ist ungepflegt, angeberisch und pubertär.
Ich muss mitten durch die Stadt auf die andere Flusseite zum Gebäude der Kriminalpolizei. Der Morgenverkehr macht mich rasend. Vor mir fährt ein tiefergelegter BMW, dem es durch die Frequenzen seines Tieftöners im Kofferraum beinahe die Scheiben aus den Rahmen bläst. Normalerweise störe ich mich ab dieser mir gänzlich unerschliessbaren Spezies Mensch nicht, denn ihr progressives Fahrverhalten kommt mir entgegen. Dieses Exemplar muss allerdings dem Umfeld durch besonders langsames Fahren seine Existenz kundtun. Ich könnte ihn von der Brücke abdrängen, die gleich kommt. Aber das würde wahrscheinlich meiner Stellung bei Sophia nicht zuträglich sein.
Ich parke meinen Wagen an der Strasse, die auf Sophias Visitenkarte angegeben ist. Zum meiner Rechten präsentiert sich das Hauptgebäude der Polizei, ein altehrwührdiger Bau aus dem neunzehnten Jahrhundert. Auf der anderen Seite der Strasse steht über einem unscheinbaren Eingang mit grossen schwarzen Lettern auf einem weissen Schild «Kriminalpolizei». Es handelt sich um den Eingang zu einem ausgesprochen hässlichen Betonbau aus den Sechzigern, wie ich vermute. Mir graut es bereits vor den Büros aus dieser Zeit. Ich öffne die verdunkelte Glastür und melde mich beim Empfang. Ich muss warten, bis ich abgeholt werde, teilt mir der adrette Mann hinter der Glasscheibe mit. Ich setze mich auf den biederen Holzstuhl, der zum Bau passt. Duaine habe ich bis jetzt noch nicht entdeckt. Wenig später holt mich Herr Keller aus Sophias Team, wie er mir mitteilt, ab. Herr Keller ist etwas untersetzt, hat einen Dreitagebart und einen wachen Blick. Ich frage mich, weshalb Menschen mit einer solchen Postur immer die Hemden in den Hosen tragen müssen. Es sieht grauenhaft aus. Zudem wurde das Hemd wohl schon so oft gewaschen, dass das auf dem Stoff enthaltene Muster unterdessen nicht mehr auszumachen und anstelle davon ein matter Mix aus grau, grün und violett entstanden ist. Ich folge Herrn Keller im Aufzug in eines der oberen Stockwerke. Er führt mich in ein Büro, das genau so aussieht, wie ich es mir vorgestellt habe und bittet mich, zu warten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies Sophias Büro ist. An den Wänden hängen gerahmte Fotos von Männern mit Motorrädern. Den Strassen nach zu urteilen, wurden die Bilder in den USA gemacht. Ein Bild zeigt die Gruppe mit zwei amerikanischen Polizisten. Ob Polizisten in den Ferien wohl lokale Polizeiposten besuchen gehen, frage ich mich.
Ich sitze auf einem mit jenem vom Empfang identischen Holzstuhl an einem Tisch, der dem Design (sofern man überhaupt davon sprechen kann) des Stuhls nachempfunden ist. Beides weist denselben beige-orangen Farbton auf, wie die Computer in den frühen Achtzigerjahren. Hinter dem Tisch ist ein Pult im selben Stil und Farbton. Darauf steht ein Monitor, eine weinrote, etwas abgewetzte Schreibunterlage und ein dreiteiliger Schreibstifthalter in gleicher Farbe. Ich fühle mich in dieser Umgebung sofort deprimiert.
Um exakt acht Uhr nullzwei betritt Sophia den Raum. Ich erhebe mich, um ihr die Hand zu schütteln. Ihr fester Händedruck fasziniert mich erneut. Sie geht an mir vorbei und setzt sich an die gegenüberliegende Seite des Tischs. Wer wohl in diesem Augenblick mit Duaine in einem ähnlichen Büro sitzt, frage ich mich.
«Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Herr Stadler», beginnt Sophia das Gespräch in freundlichem Ton.
«Sie fragen sich sicher, weshalb Sie hier sind», fährt sie fort, ohne meine Antwort abzuwarten.
Eigentlich nicht. An ihrer Stelle hätte ich mich schon lange dingfest gemacht.
«Weshalb bin ich hier?», frage ich aus reinem Anstand.
«Nun, ich kann Sie entweder höflich bitten, hier zu erscheinen, oder ich kann Sie dazu zwingen… ich bin froh, ist es bei ersterem geblieben».
Was soll diese Aussage? Was will Sie mir damit sagen? «Bin ich nun schon tatverdächtig?», sage ich Entsetzen vorspielend.
Sophia legt ihre Unterarme auf den Tisch und verschränkt die Hände. Sie beugt sich etwas zu mir vor.
«Herr Stadler… Sie haben gelogen».