Jonas erschöpft Auszug aus Kapitel 27: Die totale Erschöpfung 

Jonas geht nach Hause, um sich auszuruhen, kann sich aber plötzlich nicht mehr an seinen Eintrittscode zur Wohnung erinnern. In der Wohnung angekommen, erwartet ihn schliesslcih ein gut gelaunter Tommy. Dieser gibt sich selbstbewusst und meint zu wissen, dass die Polizei Duaine verdächtigt, womit er richtig liegt. Ein erschöpfter Jonas muss sich hinlegen.

 

 

 

27 

Siebzehn Uhr sechsunddreissig. Etwas mehr als fünf Stunden sind vergangen, als mich der Arzt wieder entlassen und nach Hause geschickt hat. Ich wollte nicht nach Hause, zu gross ist die Chance, dort auf Tommy zu treffen. Stattdessen habe ich mich seither in meinem Büro eingeschlossen.
Sophia hat darauf bestanden, dass ich mich durchchecken lasse, nachdem ich, wie sie mir im Nachhinein erzählte, eine Weile lang wie weggetreten in ihrem Büro sass. Sie habe sich Sorgen gemacht, ich habe gar nicht mehr auf ihre Fragen geantwortet und so einen komischen Gesichtsausdruck gehabt.
Der Taxifahrer brachte mich bis zum Empfang im zweiten Stock und der Arzt stellte mir allerlei Fragen. Wann ich zum letzten Mal gegessen habe, ob ich nachts im Bett schwitze, ob ich mich konzentrieren könne und so weiter. Stress, meinte er. Und dass ich zuhause bleiben soll. Er drückte mir ein Arztzeugnis in die Hand. Ich bin für eine Woche krank geschrieben.
Den restlichen Tag nach der Einvernahme habe ich vor meinem iMac im Büro verbracht und die farbige Krake bei ihrer Wanderung über meinen Bildschirm beobachtet. Ich erinnere mich noch, wie mich Sophia mit ihrem festen, aber zarten Händedruck und den Worten, ich solle mich beser ausruhen, das seien harte Tage, verabschiedet hat. Ich musste nichts unterschreiben.
Duaine hat mich bestimmt zehnmal angerufen, aber ich habe keinen seiner Anrufe entgegengenommen. Ich habe keine Ahnung, ob ich tatverdächtig bin. Auch nicht, ob Duaine es ist. Nathalia habe ich gesagt, ich wolle nicht gestört werden.
Jetzt plagen mich wieder die Kopfschmerzen. Der Arzt hat mir neue weisse Pillen gegeben, ich habe noch bei ihm auf der Toilette fünf davon genommen. Ich bin müde und will in mein Bett. Zuerst muss ich an Nathalia vorbei, die sich schon vorhin, als ich ins Büro gekommen bin, äusserst besorgt gezeigt hat. Ich stehe auf und warte, was passiert. Es pocht in meinem Schädel, aber ich kann mich auf den Beinen halten. Mir ist heiss und ich spüre die Nässe in den Achselhöhlen. Ich öffne die Tür zum Empfang und bleibe kurz vor Nathalia stehen.
«Ich gehe jetzt nach Hause», sage ich. Zu meinem Erstaunen geht das ziemlich gut.
«Du solltest dich ein paar Tage ausruhen, Jonas!», sagt sie mit besorgter Miene.
Ich nicke, öffne die Tür und begebe mich zum Aufzug.
Die offenen Fenster halten mich während der Fahrt nach Hause wach. Jedel Ampel auf der mir endlos anmutenden Strecke schaltet vor mir von orange auf rot, ich muss Mal für Mal stoppen. Seltsamerweise ist mir das egal.
Von meinem Parkplatz in der Tiefgarage schleiche ich zum Aufzug und gebe meine Code ein. Die Tür schliesst sich. Nichts passiert. Ich gebe nochmals meinen Code ein. Wieder nichts, der Aufzug setzt sich nicht in Bewegung. Ich versuche, mich zu konzentrieren und drücke bewusst jede einzelne der vier Zahlen auf dem Tastenfeld. 3997. Erneut bleibt der Fahrstuhl stehen. Einen Moment lang bleibe ich verwirrt vor dem Tastenfeld stehen und starre auf die in je drei Zeilen und Kolonnen angelegten Zahlenknöpfe. Ich erinnere mich an ein Programm auf meinem iPhone, auf dem ich vor langer Zeit einmal ein paar Zahlenfolgen abspeicherte, nachdem ich den Pincode meiner Kreditkarte wiederholt vergessen hatte. Ich drücke auf das Symbol mit der Bezeichnung «Lockbox». Ein Tastenfeld erscheint auf dem Display. Wieder wird ein Code verlangt. Ich verspüre einen Stich in meinem Kopf, die Kopfschmerzen werden unerträglich. Ich probiere den Üblichen: 3997. Nichts passiert. 0775. Keine Veränderung. 5770. Eine Liste erscheint. An dritter Stelle steht neben einem Schlüsselsymbol «Aufzug». Ich drücke auf den Eintrag. 3779. Hatte ich den nicht eingegeben? Erleichtert stelle ich fest, dass sich der Aufzug nach der erneuten Eingabe endlich in Bewegung setzt.
Nachdem ich in gewohnter Weise meine Jacke abgelegt, die Schuhe poliert und versorgt habe, setze ich mich auf mein Sofa. Zu meinem Erstaunen teile ich es mit niemandem. Tommy ist nicht da. Ich lege mich auf den Rücken, strecke die Beine aus und verschränke die Hände hinter dem Kopf. Tommys bevorzugte Lage fühlt sich tatsächlich gut an. Ich schliesse die Augen und geniesse einen Moment lang die Ruhe. Das Pochen in meinem Kopf gerät für einen kurzen Augenblick etwas in den Hintergrund.
Das Geräusch der Toilettenspülung holt mich zurück. Ich öffne die Augen. Schlagartig traktieren mich die Kopfschmerzen wieder.
«Hey, das ist mein Platz!», sagt Tommy scherzhaft. Er schliesst die Toilettentüre hinter sich und kommt auf mich zu.
«Du bist ja doch da!», sage ich lethargisch.
«Hallo Jonas, freut mich auch, dich zu sehen…! Wein!»
Ich antworte nicht darauf. Seine stete gute Laune macht mich rasend. Er kommt mit zwei Gläsern Weisswein aus der Küche zurück und setzt sich ans obere Ende des Sofas.
«Und, wie ist’s mit Moltesi gelaufen?»
Demonstrativ lege ich den rechten Arm über meine Augen, um zu verdeutlichen, dass ich nicht in der Stimmung bin, zu Reden.
«Kopfschmerzen?», sagt er und kramt etwas aus seinem Hosensack hervor. «Hier, nimm die… die helfen!»
Tommy wirft mir einen Tablettenstreifen auf den Bauch. Die Tabletten vom Arzt sind in meiner Jackentasche. Ich kann jetzt nicht aufstehen. Ich richte mich auf und drücke mir fünf Tabletten aus dem Blister in meine Hand, ohne Tommy dabei aus den Augen zu lassen. Er erwidert meinen Blick und lächelt dabei. Das Glas Pavillon Blanc leere ich in einem Zug.
«Moltesi ist scharf auf dich, stimmt’s?»
Ich fixiere seine Augen, ohne etwas zu sagen.
«Sie verdächtigen Duaine, nicht…? Natürlich tun sie das. Du wirkst zu brav, zu grau, zu anständig, um ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu gelangen».
Er will mich bloss provozieren.
«Hast du meinen Namen erwähnt?»
Er lächelt immer noch und wartet einen Moment, bevor er weiterfährt.
«Natürlich nicht… das würdest du nie tun. Keiner kennt mich, keiner weiss von mir… du kannst mich gar nicht erwähnen… mich gibt’s gar nicht!»
Einen Moment lang schauen wir uns beide stumm in die Augen. Tommy grinst, ich verziehe keine Miene.
«Verschwinde!», sage ich leise, aber bestimmt.
Tommy lächelt.
«Wenn du so weitermachst, verschwindest du schon bald!», sagt Tommy.
Ich schliesse die Augen und lege mich wieder hin. Stille. Bald folgt diese wohlige, wattige Geborgenheit.