Jonas hasst ihn und seine Business Breakfasts, wie sein Chef die morgendlichen Meetings beim Frühstück zu nennen pflegt. Er sitzt im Frühstücksraum des Swissôtels in Berlin und wartet auf Sergio Boss, der seit der Übernahme von Lonestar Productions als neuer CEO der Boutique-Filmproduktionsfirma amtet. Jonas arbeitet dort als Controller, oder als COO, wie seine Stelle neuerdings heisst. Er ist bereits am Vorabend aus Zürich angereist, um das Treffen mit Sergio wahrzunehmen. Und dieser schmierige Sergio will seine Meetings immer beim Essen abhalten.
Aber Sergio isst nicht, er frisst. Zumindest in Jonas’ Augen.
Auch diesmal wieder weiss Jonas nicht, wie er sich diesem apokalyptischen Ereignis – Sergios Verzehr seiner Leibspeise Schweizer Joghurt – entziehen soll. Er stellt sich vor, wie er ihn an den Ohren packt und seinen Kopf vornüber auf die Kante seiner Müeslischüssel knallt, so dass sich das Nasenbein in sein Vorderhirn bohrt und ihm das Blut aus den Ohren läuft.
Aber er tut es nicht.
Er regt sich über alles und jeden auf. Auch über die unfähige Serviertochter, die ihn pflichtbewusst fragt, ob er Kaffee möchte. Als ob er hier wäre, um die Stühle probezusitzen, die er sich anzuschaffen überlegt. Er bleibt artig sitzen, hört dem sinnlosen Geschwafel seines Chefs zu, nickt und lacht im richtigen Moment und erträgt tapfer die physischen Schmerzen, die ihm dieser Anblick bereitet. Und sie gehen ans Eingemachte, diese Schmerzen. Der Anblick des mit vollem Mund sprechenden Sergio löst bei ihm dieses kaum erträgliche Gefühl in der Brustgegend, eine Mischung aus grenzenloser Euphorie und Todesangst, aus. Es schnürt ihm die Luft ab, verkürzt seinen Atemweg und treibt ihm den Schweiss auf die Stirn. Sein Herz rast, Panik breitet sich aus und Jonas spürt, wie sich sein Körper und Geist langsam zu verselbständigen und aufzulösen drohen.
Er weiss, dass er diese Meetings nicht noch ein fünftes, sechstes und siebtes Mal durchsteht. Doch eine Kündigung kommt nicht in Frage. Zu viel hat er Duaine, dem ehemaligen Eigentümer, gefeierten Soapstar und Aushängeschild von Lonestar Productions, zu verdanken. Schliesslich ist er es, der ihm vor Jahren diesen gut bezahlten Job zugehalten hat. Und zu viel hat er in seiner Komfortzone zu verlieren, die ihm sein zwanghaftes Verhalten und seine Unfähigkeit, mit Menschen umzugehen, verzeiht.
Jonas gerät in eine scheinbar ausweglose Situation. Er, der nie mit den Arbeitskollegen auf ein Feierabendbier anstösst oder abends ausgeht, beginnt zu trinken. Zuerst nur zuhause, doch dann, später, im Strudel der feierwütigen Egomanen Sergio und Duaine, beginnt er das Spiel mitzuspielen, trinkt auch in der Öffentlichkeit, besucht mit ihnen auf Geschäftsreisen Bars und Clubs. Immer häufiger quälen ihn heftige Kopfschmerzen und er kann sich am Tag danach nicht mehr an die vergangenen Ereignisse erinnern.
Einzig seinem Sandkastenfreund Tommy, der im selben Haus wohnt wie er, erzählt er hin und wieder von seinen Ängsten, dem abstossenden Sergio und den Abscheulichkeiten dieser Welt. Er ist es dann auch, der Jonas bei einem harmlosen Gespräch unter Freunden anbietet, Sergio aus dem Weg zu räumen.
Zu Beginn nimmt Jonas das Verhalten seines Freundes nicht ernst, als dieser beginnt, ihn über die Alltagsgewohnheiten seines Chefs auszufragen. Halbherzig unterstützt ihn Jonas bei seinen Bemühungen, Sergio zu observieren und einen minutiösen Tagesplan zu erstellen. Er lässt sich sogar darauf ein, dass Tommy ihn während den Geschäftsreisen mit seinem Chef unauffällig begleitet. Doch je mehr das Thema zum eigenen Alltag wird, desto häufiger geraten die beiden Freunde aneinander und desto mehr beginnt sich Jonas an der Tatsache zu stossen, dass Tommy mehr Zeit in seiner Wohnung, als in den eigenen vier Wänden verbringt.
Als Jonas nach einem Streit mit Tommy mittags angezogen auf dem Sofa erwacht und sein Freund das ganze Wochenende über nicht auftaucht, verdrängt er, was offensichtlich ist.
Die Gewissheit kommt mit dem nächsten Tag, als der Chef unerwartet nicht zur üblichen Sitzung auftaucht.